Wie lief der Schulstart unserer 6. Klassen?

von Marcus Hedler

Am Montag, den 04.05.2020 war es endlich soweit: Unsere 6. Klassen sollten nach der Schulschließung wieder das Schulgelände betreten dürfen und von uns unterrichtet werden. Meine 6. Klasse sollte ich endlich wiedersehen können. Wie sehr ich mich doch auf diesen Tag gefreut habe. Doch zunächst einmal alles auf Anfang:

Bereits im Januar/Februar überschlugen sich die Meldungen zu COVID-19 (Coronavirus). Gespannt verfolgten wir die Nachrichten und ahnten bereits, dass dies auch uns treffen wird. Anfang März haben wir uns Gedanken gemacht, welche Maßnahmen wir wohl treffen sollten. Doch dann kam alles Schlag auf Schlag. Am 13. März erfuhren wir von der unmittelbaren Schulschließung ab dem 17.03. bis zum Ende der Osterferien. Das hat gesessen! Wir waren völlig unvorbereitet auf diese uns unbekannte Situation. Was nun? Was sollen wir jetzt machen? Wir alle haben uns schnellst an die Arbeit gemacht, um die Kids mit Aufgaben zu versorgen. Doch das war keineswegs leicht: Welche Aufgaben soll ich ihnen mitgeben? Wie viel schaffen sie? Wie übermittle ich die Aufgaben? Wie kontrolliere ich das alles? Wie kann ich meinen Schülern helfen? Fragen über Fragen beschäftigten uns sehr, doch eine mustergültige Antwort hatten wir nicht. Jede Kollegin und jeder Kollege entschied nach seinem besten Gewissen, was für seine Lerngruppe richtig zu sein schien. Nachdem alle Lehrkräfte ihre Kinder versorgt hatten, hieß es auch für uns adé. Aber was nun? Wir waren jetzt im Homeoffice und mussten zunächst alles sacken lassen. Es kam die Frage auf, wie wir jetzt weiter handeln sollten. Schnell haben sich einige Aufgaben gefunden: von schulinternen Curriculas, über Schaffung neuer Kommunikationsplattformen bis hin zur Neugestaltung der Homepage war viel anzugehen. Der größte Punkt war jedoch der Kontakt zu den Eltern und Schülern und die Versorgung der Schüler mit schulischen Aufgaben, damit sie nicht den Anschluss verlieren. Das hatte stets bei allen Klassenlehrern Priorität. Doch wie sollten wir das anstellen, wo doch unsere Digitalisierung in der Kreidezeit fest hing und wir kaum Erfahrungen mit der Online-Lernwelt hatten. Dieser Mammutaufgabe nahmen wir uns an und probierten verschiedenste Plattformen aus. So fanden wir schnell die Anton.App für uns, welche jetzt viele unserer Schüler nutzen. Auch Videokonferenzen, Telefonate und Emailverkehr mit den Schülern nahm immer mehr zu. Wir erfanden uns zum Teil neu und entdeckten Kompetenzen bei uns, die wir nicht einmal erahnt hatten. So habe ich mich beispielsweise auch als Instagrammer ausprobiert, indem ich nicht nur den Schulaccount aktuell halte, den Kindern und Eltern Tipps gebe, sondern auch einen täglichen Livestream mit Hilfe von Albas täglicher Sportstunde gestartet habe. Mir war durchaus bewusst, dass ich nicht so viele erreichen werde. Entweder hatten sie kein Instagram oder 10Uhr waren sie noch im Tiefschlaf. Die jedoch live dabei waren, gaben mir stets positives Feedback, sodass ich das Programm Tag für Tag fortgesetzt habe. Schnell spielte sich bei mir ein Tagesrhythmus ein: Aufstehen - fertig machen - frühstücken - Instagram - Kinder - Mittag - Schule - Kinder - Abendessen - Netflix. Doch wie ging es den Schülern?

 

Hier ein paar Auszüge von ein paar Schülerstimmen in der Zeit der Schulschließung:

 

"Anfangs war ich sehr froh. Keine Schule! Doch dann wurde es schnell doof."

"Ich fühlte mich oft sehr gelangweilt."

"Es war schwer für mich, die Aufgaben zu machen."

"Ich habe jeden Tag Hausaufgaben gemacht. Zusammen mit zwei Klassenkameradinnen habe ich immer Videoanrufe gemacht und gemeinsam haben wir die Aufgaben gelöst. Trotzdem lernt man in der Schule besser als zu Hause."

"Ich war oft etwas traurig, weil ich meine Freunde nicht sehen durfte."

"Ich war oft sehr wütend auf das Ganze hier. Denn das ist ja mein letztes Schuljahr."

"Es war nervig, dass immer die ganze Familie da war."

"Es war sehr anstrengend, weil wir nicht raus gehen durften. Es hat sich angefühlt, als ob ich eingesperrt sein würde."

"Ich fand alles sehr doof. Denn unsere Klassenfahrt ist ausgefallen."

"Ich habe viel Sport zu Hause gemacht, aufgeräumt und mein Zimmer entrümpelt."

"In den ersten drei Tagen habe ich viel für die Schule getan. An den anderen Tagen wurde ich immer unmotivierter. Dann habe ich nur im Bett gelegen, gezockt und ab und zu ferngesehen und mich vollgefressen, weil mir langweilig war."

 

Als die Ferien (wenn man das als Ferien bezeichnen konnte) sich dem Ende neigten, erhielten wir aus der Presse die Mitteilung, dass die Schule nicht am 20.04. öffnen sollte. Das Homeoffice ging also weiter: toll...Die Lehrer haben ihre Kids neu versorgt und alles ging in seinen gewohnten öden Tagesrhythmus weiter. Doch eine Mitteilung erfreute mich sehr: Ich habe erfahren, dass ich meine Klasse am 04.05. nun endlich wiedersehen durfte. Meine Gefühle waren dabei gemischt. Einerseits freute ich mich riesig, anderseits musste ich damit rechnen, dass sie wieder den Start verschieben werden. Doch das war nicht der Fall, sodass wir uns wenige Tage zuvor, nachdem wir das offizielle Go erhielten, uns an die Planung setzen konnten. Für die Wiederkehr erhielt die Schulleitung einen Musterhygieneplan und ein zusätzliches Schreiben, welches den Schulalltag stark regelte: Abstandseinhaltung, Kleinstgruppen, Personal u.s.w. waren die Themen, die wir einhalten mussten. Die Schulleitung erstellte daraufhin einen Stundenplan und besprach diesen mit allen Klassenlehrern der 6. Klassenstufe. Des Weiteren erstellten wir einen Regelkatalog nach den Vorgaben. Wir informierten unsere Eltern und Schüler und räumten unsere Räume entsprechend der Vorgaben um. Der Schulstart der 6. Klassen konnte somit endlich losgehen.

Unsere Schüler erlebten diese Phase folgendermaßen:

 

"Ich habe mich gereut, dass die Schule wieder los geht und das ich meine Freundin und Klassenkameradin sehen kann. Ich habe mich auch auf die Lehrer gefreut und wieder zu lernen. Aber ich hatte nicht die Erwartungen, dass es jetzt so läuft."

"Ich dachte, dass wir immer Masken tragen müssen und alleine sitzen werden...vielleicht auch viele Tests schreiben müssen und ich dachte, wir haben den selben Stundenplan wie vorher."

"Ich dachte, wir haben jeden Tag zwei Stunden und müssen nur Klassenarbeiten schreiben."

"Ich dachte, dass wir noch mehr Unterricht als sonst haben werden."

"Ich dachte, dass die Schule wieder so sein wird wie immer...also mit der ganzen Klasse zusammen, kein Abstand, keine Masken und gemeinsame Hofpause."

 

Wir schreiben den 04.05.2020: Erster Schultag. Ich konnte die Nacht nicht schlafen und stand gegen 5 Uhr auf, weil ich sehr aufgeregt war. Ich stellte mir wieder viele Fragen über meine Schüler oder ob alles von uns bedacht worden ist. Gegen 07:00 Uhr war ich in der Schule und kontrollierte nochmal alles. Dann hieß es warten auf meine Schüler. Nach und nach kamen sie und das mehr als pünktlich. Alle haben sich an die abgemachte Zeit gehalten. Als ich die ersten Kids sah, wollte ich sie am liebsten gleich in den Arm nehmen, doch wir müssen alle Abstand zueinander halten. Als alle nun eingetroffen waren, blickte ich in die 1. Gruppe und freute mich, sie endlich wieder zu sehen. Doch der Anblick war schon etwas seltsam: Nicht alle waren da, alle mit Abstand, keiner wusste zunächst was man darf und was nicht. Ich habe mit den Kids ausgemacht, dass wir zunächst die neuen Regeln durchsprechen müssen, bevor wir den Rest der Zeit für ein wenig Smalltalk nutzen können. Es waren nicht gerade wenig Regeln und sie merkten schnell, dass ihr Schulleben jetzt enorm eingeschränkt ist. Trotzdem nahmen sie alles ganz gut auf und schnell alberten wir wie in alten Zeiten rum. Nach zwei Stunden ging die erste Gruppe nach Hause und ich empfing die zweite Gruppe meiner Klasse. Auch hier verfolgte ich den Plan erst die Regeln, dann der Smalltalk. Doch hier war alles irgendwie anders. Keiner traute sich etwas zu sagen. Alle saßen verunsichert auf ihren Plätzen und bewegten sich nicht. Es war eine gespenstische Stille im Raum. Auch in der kleinen Pause traute sich niemand aufzustehen. Sie holten ihre Brotdose aus der Tasche, aßen etwas und das wars. Selbst nach meiner Aufforderung doch mal rumzugehen und sich mit den Klassenkameraden zu unterhalten, gingen sie nicht nach. Was war denn hier los? Auch in den folgenden Tagen änderte sich das Bild nicht. Ich dachte, dass es an mir läge. Aber auch bei meinen beiden Kolleginnen verhielten sie sich so. Wir waren etwas ratlos. Ich tauschte mich mit meinen Kolleginnen aus den Parallelklassen aus und fragte, wie es bei ihnen so sei. In einer Klasse berichtete die Klassenlehrerin exakt das gleiche Bild: die eine Gruppe ist sehr aktiv und redselig, während die andere Gruppe nahezu lethargisch agierte. Jedoch war die dritte Klassen wieder ganz anders: sie redeten und redeten und hörten kaum zu. Sie hatten sich viel zu erzählen. Bei denen war jedoch auch die Einhaltung der Regeln etwas ambivalent: In der Schule verhielten sie sich vorbildlich. Sie trugen Masken, hielten Abstand u.s.w. Doch vor der Schule lagen sie sich in den Armen, küssend, halb abschleckend...egal ob Junge oder Mädchen. Das Verhalten der Kinder ist wie gewohnt so unterschiedlich, sodass wir stets anders agieren müssen.

 

Unsere Kids berichten von den ersten Tagen folgendermaßen:

"Es ist ein bisschen seltsam. Aber zum Glück, bin ich nicht allein."

"Ich finde es toll wieder hier zu sein. Aber ich finde es traurig, dass ich nicht mit meiner Freundin in einer Gruppe bin."

"[...] Aber dennoch ist es sehr ungewohnt und man muss sich an die Situation gewöhnen. Aber ich bin zufrieden, dass ich trotz dieser Situation in die Schule gehen kann."

"Alles, was wir hier machen sollen, ist gut, weil es richtig ist."

"Ich dachte es wird schwer für mich. Aber es geht eigentlich."

"Ich finde es besser als zuvor, weil die Lehrer entspannter sind und der Unterricht kürzer ist."

"Alles ist wie üblich."

"Es ist entspannt, weil nur die Hälfte der Klasse in einem Klassenraum ist."

 

Bereits in der Betreuung des Homeschoolings merkten wir schnell, dass dies nicht so einfach ist. Während die einen Kids fleißig alle Aufgaben lösten, hatten andere nicht nur technische, sondern vor allem Probleme mit ihrer Motivation. Viele sahen ihr zu Hause als einen Ort der Ruhe (und des Zockens) an, jedoch nicht als ein Schulersatz. Ihre Eltern waren ihre Eltern und nicht ihre Lehrer. Viele hatten schlicht enorme Probleme die gestellten Aufgaben zu lösen. So kamen sie auch zurück zur Schule. Wie sollte man damit umgehen? Sollte man die Kinder dafür bestrafen, dass sie kaum etwas gemacht haben oder machen konnten?`Sollte man die Kinder belohnen, die (fast) alle Aufgaben gelöst haben? Können wir überhaupt nachvollziehen, wer die Aufgaben gemacht hat? Nein! Das Homeschooling stellt die Schüler, die Eltern und uns Lehrer vor Herausforderungen, die es kaum zu lösen gilt. Dennoch bleiben wir dran und versuchen unser Bestes.

Im Laufe der Woche haben sich die Kinder etwas besser an die gegebene Situation gewöhnt und wir blickten auf die nächste Woche. Am Anfang hieß es noch, dass nur die 5. zurückkommen sollen. So setzten wir uns am Anfang der Woche hin und planten die Rückkehr der 5. Klassen unter den gleichen Bedingungen: zwei Gruppen, maximal drei Lehrer und drei Zeitschienen. Doch schon vor dem offiziellen Entscheidungstag (06.05.) erhielt die Schule eine Vorabinformation, dass wir uns darauf einstellen sollen, bis zum 26.05 alle Kinder einmal zurückgeholt zu haben. Nun standen wir da. Was machen wir jetzt? Die Schulleitung plante nun auch den zweiten Fall und somit hatten wir zwei angefangene Pläne in der Schublade. Am Donnerstag Morgen (07.05.) kam dann die offizielle Mitteilung: Ab dem 11.05. sollen alle 5. und 1. Klassen zurück, sowie alle Kinder (unabhängig ihrer Klassenstufe), deren das Homeschooling aus technischer, familiärer oder anderen Gründen schwer fiele. Da dies auf einen Großteil unserer Schüler zutrifft, haben wir uns dazu entschlossen, alle zurückzuholen. Damit haben wir auch die weitere Anforderung erfüllt, dass alle Kinder bis zum 26.05. einmal Präsenzunterricht gehabt haben sollten. Wir wollen versuchen eine Art von Beständigkeit hinzubekommen, wohlwissend, dass dies eine Illusion ist.

Wir werden auch die kommende Zeit so gut wie möglich gestalten.

Marcus Hedler, Klassenlehrer 6a

 

Nachtrag: Dieser kleine Bericht spiegelt nur die Spitze des Eisberges wieder. Neben diesen Tätigkeiten mussten viele weitere Sachen geklärt werden. Auch private oder organisatorische Probleme, wie die Betreuung  oder Beschulung der eigenen Kinder war/ist uns nicht erspart geblieben.

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